Sieh einem Vierjährigen beim Ausmalen zu. Die Zunge schiebt sich heraus, die Schultern ziehen hoch, der ganze kleine Körper arbeitet an einer Aufgabe. Es sieht nach zehn ruhigen Minuten aus. In Wahrheit ist es eines der anstrengendsten Dinge, die ein kleines Kind den ganzen Tag tut.
Zwei Fähigkeiten wachsen gleichzeitig
Ausmalen trainiert zwei Systeme, die sonst in einem netten Satz über Kreativität verschwinden. Sie sind nicht dasselbe. Wer sie auseinanderhält, sieht erst, wofür das Bild gut ist.
Das eine ist körperlich: die kleinen Muskeln der Hand, der Griff um den Stift, die Verbindung von Auge und Hand. Das andere ist geistig: die Aufmerksamkeit, ein Bild zu beginnen, dabei zu bleiben und es zu Ende zu bringen. Ein einziges Bild arbeitet an beidem. Das ist selten für etwas, das fast nichts kostet und keinen Bildschirm braucht.
Die Hand leistet die Hauptarbeit
Das meiste beim Ausmalen passiert unterhalb des Handgelenks. Einen Stift halten und über das Papier ziehen ist Krafttraining für Muskeln, an die kaum ein Erwachsener denkt.
Der Griff selbst entwickelt sich in einer festen Reihenfolge. Kleinkinder fassen den Stift mit der ganzen Faust, die Hand fest geschlossen. In den nächsten Jahren wandert der Griff zu den Fingern: erst zeigt die Hand mit dem Stift, dann übernehmen wenige Finger, und irgendwann zwischen vier und sechs findet ein Kind den Dreifingergriff, der später den Bleistift trägt. Ergotherapeuten beschreiben diese Abfolge genau und greifen oft zu Wachsstiften statt Bleistiften, denn ein kurzer Stift zwingt die richtigen Finger zur Arbeit.

















